Montag 5.Mai, 4:55h, mein Wecker klingelt. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und weiss gar nicht, wieso der schon so früh losgeht. Dann, einige Sekunden später, kommt mir alles wieder in den Sinn: Wir wollen ja heute nach Fanas fliegen gehen!

Schon einige Tage im Voraus wurden die Wetterprognosen studiert. So war denn auch schon am Mittwoch vorher klar, dass der Montag der beste Flugtag werden würde und ich begann Fliegerfreunde zu kontaktieren und gemeinsam mit ihnen Pläne zu schmieden.

Dennoch, als ich nun schlaftrunken aus dem Bett steige freue ich mich überhaupt nicht auf den Flugtag – ich bin schlicht zu müde. Zum Glück ist die Ausrüstung bereits gepackt, sonst würde ich bestimmt die Hälfte vergessen. So aber kann ich mich leise aus der WG schleichen und werde von Christoph, einem Flugkollegen aus dem High Adventure Team abgeholt.

2 ¾ Stunden später erreichen wir die Gondelbahn in Fanas, welche bereits von Piloten umzingelt ist. Zum Glück haben wir schon gestern unsere Plätze reserviert, sonst wäre es wahrscheinlich knapp geworden. Es ist eiskalt wie Ende Winter, der Himmel mit Cirren dick bedeckt und während ich mir die frierenden Finger reibe, überlege ich mir, wie gemütlich es jetzt gewesen wäre im Bett liegen zu bleiben und auszuschlafen.

Am Startplatz angekommen können wir uns Zeit lassen, die Cirren verziehen sich nur langsam und die Inversion muss auch erst noch ausgeheizt werden. Hektik kommt lange keine auf. Dafür werde ich endlich richtig wach und geniesse den Ausblick. Was heute wohl drin liegt?

Kaum kann sich der erste Pilot halten und leicht Höhe machen geht’s los: Nix wie weg, bevor alle anderen auch in der Luft sind! Der Startplatz ist schnell überhöht und das Prättigau liegt vor uns. Es trägt relativ zuverlässig, zumindest solange man hoch genug fliegt. Einmal tief unten wird es wegen des Talwindes und wahrscheinlich auch der Inversion sehr schwierig wieder hochzukommen, so dass es gilt, rechtzeitig auf Überlebensmodus umzuschalten und den Fokus nur noch aufs Aufdrehen zu richten.

Wieder in der Höhe angekommen geht’s weiter in Richtung erste Wende, zuhinterst im Prättigau, an der österreichischen Grenze. Von dort quere ich das Tal und fliege in Richtung Davos. Unterwegs habe ich endlich Zeit etwas zu trinken und ein Biberli zu essen. Schliesslich ist’s Zeit fürs Mittagessen! Kurze Zeit später greife ich aber rasch zu den Bremsen: Hinter dem Weissfluhjoch brodelt die Luft. Während ich Höhe tanke um ins Schanfigg zu queren spreche ich meinem Mentor immer wieder gut zu, er solle doch bitte offen bleiben…

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Mit Rolf im Prättigau

Das Schanfigg selbst ist dann wieder wesentlich angenehmer. Unangenehm wird es erst wieder am Calanda, nach der Querung über Chur. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich behaupten, der Berg hat was gegen mich. Jedenfalls erwische ich den Schlauch nicht, der von anderen Piloten bereits markiert wird, sinke immer tiefer, und es ruppelt immer stärker, das Windrad im Tal wird immer grösser, die Flugkollegen sind über alle Berge. Dies sind dann jeweils die Momente, in denen die Landewiesen enorm verlockend aussehen, ich den Berg verwünsche, und mir vornehme, von jetzt an nie wieder auf  Strecke zu gehen. Was ich natürlich spätestens am Abend wieder vergesse. 🙂

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Vom Schanfigg über Chur an den Calanda

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Der böse Berg: Calanda

Irgendwie klappts aber doch, und so finde ich mich etwas später in der Surselva wieder, unterwegs in Richtung Disentis. Uff, Entspannung, Luft unter dem Gurtzeug, Abstand zum Gelände und Zeit zu überlegen, was man denn nun eigentlich machen könnte. Das Glarnerland zu erfliegen scheint verlockend, zumal ich diese Gegend noch nicht kenne. Als ich schliesslich auch Kurt und Rolf wieder einhole, die am Calanda davongezogen waren ist die Sache klar: Wir versuchen das Glarnerland. Mit 3500 m Höhe überqueren wir den von einer meterdicken Schneeschicht bedeckten Grat – wow was für ein Ausblick!!! Vor lauter Staunen vergesse ich völlig, ein Foto zu schiessen.

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Nach der Querung ins Glarnerland

Leider hat sich unterdessen ein neues Cirrenfeld reingeschlichen, so dass die Thermik arg schwächelt. Irgendwie können wir uns aber entlang von Hängen und Hochspannungsleitungen weitermogeln, bis an den Walensee. Leider verlasse ich den allerletzten Schlauch etwas zu früh, und verbaue mir damit die Chance, das Dreieck zu schliessen. Statt in Walenstadt lande ich somit gemeinsam mit Rolf nach etwas über acht Stunden und 165 km in der Nähe von Ziegelbrücke. Kurt hat es besser gemacht und schafft es bis Walenstadt.

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Am Walensee

Dennoch: Was für ein Flugtag! Ich kann es immer noch kaum glauben. Und das Beste zum Schluss: Dank Funk (merci fürs Ausleihen Claudio!) und Livetracking steht bereits vor unserer Landung das „Abholteam“ mit Auto am Landeplatz bereit.  Nur das Landebier fehlt… 🙂 Ein dickes Merci an alle, die dazu beigetragen haben, diesen Flug möglich zu machen. Streckenfliegen fägt! Naja, meistens 🙂

Hier für Interessierte der Link zum Flug: http://www.xcontest.org/switzerland/de/fluge/details:Chrige/5.05.2014/09:12

 

Chris

 

 

3 thoughts to “Die Freuden (und Leiden) eines langen Flugtages

  • Claudio

    Wow, schlicht unglaublich!!! Sehr sehr eindrucksvoll dein Bericht. Freut mich, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte.
    Jetzt weisst du auch in welchen schönen Fluggebieten wir unsere Fliegerausbildung gemacht haben…

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  • Tschortsch

    Kein Landebier zu haben finde ich bein(sack)hart. 🙂

    Gratuliere! Und danke für den Bericht.

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  • Päscu L

    Super spannend geschrieben, merci! Und schöne Fotos

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